Gis und Charly

Liebe 4-beinige Artgenossen der mobilen Hundeschule von Helga Guder,
ich bin Charly Weber und muss Euch dringend was erzählen.

Ihr wisst, in der Zeit vor Weihnachten geschehen gar wundersame Dinge – ich kann ein Lied davon bellen:
Es begann gestern am Donnerstag gegen Mittag. Helga brachte mich zu meinem Frauchen Gisela in die Praxis. Ich hatte es mal wieder furchtbar wichtig und nachdem ich „leer gebellt“ war wurde ich auch ganz lieb begrüßt. Die beiden gingen grußlos aus der Tür und als Sie wiederkamen war alles anders. Weiß der Wolf, was da passiert ist!?

So im vorbeigehen sagte Gisela kurz, „Hi Charles“ und setzte sich- ohne mich zu beachten – an Ihren Schreibtisch telefonierte und richtete Ihre Sachen zusammen. Als wir uns später mit Peter, meinem Herrchen, trafen, durfte ich nicht auf meinen Stammplatz, sondern ich musste hinter den Sitz von Gisela, nichts mit gemütlich im Fußraum ausstrecken und Frauchens Fuß als Kopfkissen benutzen, nicht von der warmen Heizungsluft einlullen lassen, nein, auf engem Platz musste ich mich hinquetschen und das ich- die Hauptperson der Familie !
Aber denen habe ich es gezeigt!

Gebellt hab ich- gebellt von Heidelberg bis Wiesenbach, damit kann ich meine Familie immer Weichkneten, aber heute, stellt Euch vor, keine Reaktion. Kein Brüllen, kein Gebrauch von Halti, nichts. Die beiden saßen im Auto, völlig entspannt als würden sie einem schönen Konzert zuhören.
Ich verstand meine Welt nicht mehr. Wieder in der Wohnung legte ich mich erst einmal schlafen.
Mein Abendessen bekam ich nicht wie bisher vor den Nachrichten, sondern danach. Frauchen erzählte was von „Strickmuster durchbrechen“, versteht Ihr das? Was hat stricken mit meinem Futter zu tun?
Die Krönung dieses merkwürdigen Tages sollte mir noch bevorstehen. Das erkannte ich, als Gisela mich nicht mit ins Schlafzimmer nahm, sondern an der Heizung anleinte. Schlaf gut- das war es

Ging das nicht ein bisschen weit?
Am anderen Morgen kam die Leine wieder weg, Peter ging mit mir Gassi, oh je, war ich erleichtert – alles wie immer.
Mir war nach Frühstück, aber Frauchen reagierte nicht auf mein betteln. Ging das schon wieder los?
Ich hätte in der Küche anwachsen können, keine Aussicht auf Futter. Ich lief Gisela überall hinterher, das mach ich immer so und fast 9 Jahre hat das immer geklappt, heute nicht.

Irgendwann richtete sie Haferflocken, Obst und Quark – endlich, dachte ich- aber keine Chance. Betten machen, Wäsche aufhängen, duschen, ich immer hinterher – kein Erfolg.

Obwohl mein Magen leer war, hatte ich die Schnauze voll. Ich rollte mich auf meinem Fell zusammen und hoffte auf bessere Zeiten. Und- Ihr werdet es kaum glauben, jetzt rief sie – Charly essen und wie ich kam, mit fliegenden Ohren – noch mal kurz am Futternapf absitzen – aber jetzt Schlabber, Schlabber Teller leer !

Was soll ich Euch sagen? Heute ist der dritte Tag und es geht mir ganz gut.
Ich bin mir sicher, dass ich mich schnell daran gewöhne, wenn Ihr wollt, halte ich Euch auf dem Laufenden,

Euer umgekrempelter Charly

P.S. Wüsste doch gerne, ob das alles mit Weihnachten zu tun hat.
Teil 2
Erholsame Feiertage gehabt Frau Weber? Naja …

Nachdem es schien, daß Charly – wie er ja selbst berichtete – sich mit seiner Position abgefunden hatte, erwachte nach einigen Tagen sein Kampfgeist, wie bei einem echten Dackel nicht anders zu erwarten.

Unsere Familie hatte Weihnachten gut vorbereitet und geplant. Nicole kam für 10 Tage nach Hause, wie immer eine große Freude für uns. Alles hätte ruhig und harmonisch sein können, doch Charly spielte nicht mit.

Andere „gefrustete“ Hunde verkriechen sich still in eine Ecke und zernagen einen sündhaft teuren Schuh oder auch einen heißgeliebten Hausschlappen oder zerlegen in Windeseile ein Schaffell….

Auch ärgerlich – keine Frage, aber was macht Charly? – richtig er bellt. Er bellte den ganzen Tag, was sag ich, die ganzen Tage. Er versuchte bellend sein Essen zu fordern, er sprang jeden (außer mir) an, der sich in der Wohnung bewegte. Es ist kaum zu beschreiben wieviele Möglichkeiten (m)ein Hund hat seinen Unmut „auszubellen“. Abgesehen von diversen Variationen der Lautstärke sind die Bellvarianten interessant, die den Gemütszustand erkennen lassen. Ich bin mir sicher, wenn er könnte, würde er trotzig mit der Pfote aufstampfen!

Ignorieren – Ignorieren – Ignorieren, wie in Trance befolgen wir diese Anweisung von Helga, die sie uns als Hausaufgabe mit in den Weihnachtsurlaub gab. Und weiter „Gis, denk dran, Charly meint das nicht persönlich“ – oh Helga, Hilfe!

Alle in der Familie bemühte sich freundlich zu sein, schließlich war ja Weihnachten, von wegen „stille Nacht“. Mit Baldrian, das wir Charly meistens gegen Abend verabreichten, verschafften wir uns eine kurze Zeit der Ruhe und Charly die Gelegenheit neue Kräfte zu sammeln um uns nach erholsamen Schlaf erneut auf die Palme zu bellen – oder besser auf den Weihnachtsbaum?

Helga, die ich in meiner Not anrief meinte: „die Spitze des Eisbergs ist noch nicht erreicht, haltet durch!“

Erleichtert ihre Stimme gehört zu haben – neu aufgebaut – dem Wahnsinn nahe – legte ich das Telefon weg und hoffte auf ruhigere Zeiten. Manchmal gingen wir ohne Hund Gassi um etwas abstand von Charly zu bekommen.

Welche Erleichterung als wir einen Tag vor Sylvester spürten und sahen, daß Charly in sich ruhiger wurde.

Dank Baldrian verschlief er den Jahreswechsel und begrüßte uns am Neujahrsmorgen fröhlich, schwanzwedelnd – ein richtig toller Hund eben.

Was dachtet Ihr denn???

Es grüßt Euch alle, verbunden mit den besten Wünschen für 2004
Giesela Weber